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Die Dolomiten

Gipfelstürmer der sechziger Jahre auf der großen Cirspitze, am Grödnerjoch

Der heroische Alpinismus

 

Nach dem Großen Krieg begann im Alpinismus das „heroische“ Zeitalter des VI. Grades. Die bedeutungsvollste Besteigung dieser Ära war wahrscheinlich jene im Jahr 1933, durchgeführt vom Triestiner Emilio Comici, gemeinsam mit den Ampezzanern Giuseppe und Angelo Dimai, auf der überhängenden Nordwand der Großen Zinne der Drei Zinnen von Lavaredo, die man bis dahin für unzugänglich gehalten hatte. Die Besteigung, die zu ihrer Zeit ein Meilenstein in der Alpingeschichte war, ist immer noch sehr begehrt.

 

Dank der regen Kompetition mit dem deutschen Sprachraum entwickelten sich die Dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts zur Blütezeit des Italienischen Alpinismus. Innerhalb weniger Jahre fand eine beeindruckende Anzahl von sehr wichtigen Besteigungen durch eine Gruppe ausgezeichneter Bergsteiger statt, darunter der Grödner Gianbattista Vinatzer sowie die Fassaner Luigi Micheluzzi, Raffaele Carlesso, Alvise Andrich und Riccardo Cassin. Diese Kletterer legten im Freiklettern ein Niveau an den Tag, das bis Ende der 60er Jahre, zumindest im Dolomitenraum, unübertroffen geblieben ist. Mit dem Zweiten Weltkrieg endete auch die „heroische“ Phase des klassischen Alpinismus, die sich im Wesentlichen durch freies Klettern auszeichnete, auch wenn der Einsatz einiger weniger künstlicher Hilfsmittel nicht kategorisch abgelehnt wurde.

 

Zeitgleich mit einigen wichtigen technologischen Entwicklungen, beispielsweise die Vibram-Sohle oder die Entwicklung des Hakens, der in verschiedenen Größen und Ausführungen produziert wurde, begann nach dem Zweiten Weltkrieg also eine neue Phase des Alpinismus, die durch einen systematischen Gebrauch von künstlichen Hilfsmitteln gekennzeichnet war. Der Einsatz von Kletterhilfen wurde manchmal bis zum Exzess getrieben, ein Beispiel sind die sogenannten „Direttissime“ („kürzeste Verbindung“) mit „mehr Haken als Klettermeter“. In dieser Phase wurden auch die großen Touren der 30er Jahre wiederholt, allerdings mit der Günther e Reinhold MessnerVariation, dass sie entweder allein oder im Winter durchgeführt wurden. Diese Phase fand auch am meisten Beachtung bei den Medien, die aber mehr an tragischen Vorfällen als an der Essenz des Kletterns interessiert waren.

 

Nach dieser etwas stillstehenden, konservativen Phase des Alpinismus, teilweise eingeschränkt durch die Stumpfheit der Alpenvereine, kam es am Ende der Sechziger Jahre zu einer Art „Wiedergeburt“, die durch das free-climbing und clean-climbing eingeleitet wurde. Diese zwei Kletterarten distanzieren sich vom Technischen Klettern, denn sie lehnen das traditionelle Ziel des Alpinismus ab: das Erreichen des Gipfels trotz Anstrengung, Angst und Kälte. Das sogenannte „Sportklettern“ schlug also von Anfang an einen anderen Weg ein als das Alpine Klettern, deswegen haben sie wenig Gemeinsamkeiten entwickelt.

 

„Bis zum Juli 1968 hätte es niemand für möglich gehalten, dass man Besteigungen mit einem Schwierigkeitsgrad von über VI+ ausführen könnte...“

 

Messner Pilastro di MezzoIn den Sechziger Jahren gab es auch Bergsteiger, die dem Ziel des traditionellen Alpinismus verbunden blieben und trotzdem bezüglich Ethik und Training neue Wege einschlugen: Die Südtiroler Reinhold Messner und sein jüngerer Bruder Günther Messner appellierte an die Tradition der Großen der Dreißiger Jahre. 1968, mit ungefähr 20 Jahren, bestiegen die zwei den Mittelpfeiler des Piz dl Ciaval (Heiligkreuzkofel), indem sie Schwierigkeiten überwanden, die bis dahin noch niemand bezwungen hatte. In den darauffolgenden Jahren führten die Brüder Messner im Dolomitenraum mehrere besonders schwierige Klettertouren durch, bei denen sie sich durch Schnelligkeit auszeichneten. Außerdem eröffneten sie mehrere Routen im Alleingang und wiederholten viele Winterbegehungen.

 

„Der Aufstieg der Brüder Messner auf den Sas dla Crusc, gemeinsam mit wenigen anderen Besteigungen, gab zu verstehen, dass der Alpinismus nur überleben konnte, wenn man das Unnütze entfernte. Da der Alpinismus selbst unnütz ist, konnte er nur durch eine absurde Aktion fortgeführt werden und die Strecke auf den Sas dla Crusc ist eindeutig absurd. Aufgrund ihrer noch immer entwaffnenden Schwierigkeit, besitzt sie aber auch diese schreckliche Anziehungskraft.“ M. Cominetti

 

Grande Muro Sas dla CruscIn der Zwischenzeit hatte der Fortschritt in der Technologie, sowie die physische und mentale Entwicklung des Menschen dazu geführt, die archetypische Angst vor den schwindelerregenden Höhen zu verdrängen. Immer mehr Bergsteiger, die ihre Kletterfähigkeiten zuvor in Klettergärten im Tal getestet hatten, wagten sich in die schwindligen Höhen. In wenigen Jahren sind somit die Mythen der Vergangenheit geradezu demoliert worden. Die Strecken, welche einmal Privileg einiger Auserwählter waren, die sie mit großer Anstrengung in zwei oder mehreren Tagen zurücklegten, sind mittlerweile zu klassischen Routen für Tausende von Menschen geworden. Die großen Alpinisten versuchen heute ihre Leistungen und die anderer kontinuierlich zu übertrumpfen, und zwar in Schwierigkeit und in Schnelligkeit.

 

 

 

 

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