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Die Dolomiten

Der Volkstanz ist eine Tradition welche dank der Tanzgruppen erhalten bleibt. ©Werner Pescosta

Bräuche und Traditionen

 

”Bun dé y bun ann, Chël Bel Dî se lasces vire tröc agn, cun ligrëza y sanité, fortüna y benedisciun, sön chësc monn döt le bun, y ia en l’ater monn le paraîsc. Le bun dé a os y la bambona a mé!”

 

Dieser kurze Reim, der am ersten des Jahres von den Gadertaler Kindern aufgesagt wird, wenn sie von Haus zu Haus ziehen, um „Gesundheit, Glück und Segen“ für das neue Jahr zu wünschen und wofür sie etwas Süßes oder ein kleines Geschenk erhalten, gehört zu den zahlreichen ladinischen Bräuchen, die heute mehr und mehr in Vergessenheit geraten. Viele dieser Traditionen werden nicht mehr gepflegt wie früher, aufgrund von Veränderungen in den sozioökonomischen Strukturen: Die Bräuche sind eng verbunden mit dem Leben und der Arbeit der Bauern, die in den Dolomitentälern mittlerweile eine vom Aussterben bedrohte „Spezies“ sind. Vor allem seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs sind Landwirtschaft, Schaf- und Viehzucht immer mehr Santa Maria dai Ciüfzurückgegangen und haben dem Tourismus Platz gemacht. Auf diese Weise ist in der heutigen „modernen Welt“ von den Bräuchen, Sitten und Traditionen unserer Vorfahren nur noch wenig übrig geblieben.

 

Früher einmal waren religiöse Zeremonien, weltliche Feiern und Dorffeste wichtige Gelegenheiten, um etwas Abwechslung in den monotonen und strengen Rhythmus des täglichen Lebens zu bringen. Die Bräuche bereicherten das Leben, kennzeichneten die Festtage und stellten eine Unterhaltungsmöglichkeit für jede Dorfgemeinschaft dar.

 

Viele Bräuche und Traditionen hängen mit wichtigen Geschehnissen des Lebens zusammen (die Geburt, die Taufe, die Hochzeit, der Tod), mit den Jahreszeiten, mit verschiedenen bäuerlichen Tätigkeiten (Heu- und Kornernte, die Flachsbreche, das Dreschen) oder mit dem Umwerben von jungen Frauen. Die Junggesellen Re magigingen, zu ganz bestimmten Anlässen, a vila. Die ersten schüchternen Annäherungsversuche machten sie an Festtagen, nach der Messe am Eingang der Kirche. Danach warteten sie hart auf die Gelegenheiten, in denen sie sich in Gruppen in die Häuser begeben durften, wo die hübschesten jungen Frauen waren, um gemeinsam zu singen, zu tanzen und zu feiern. Natürlich immer unter strenger Aufsicht der Eltern, die sie nie allein ließen. Zu solchen Anlässen fragten die jungen Bewerber ihre Mädchen nach einem „symbolischen Pfand“ um herauszufinden, ob ihre Gefühle erwidert wurden oder nicht. Am Stephanstag (26. Dezember) bestellten die jungen Männer des Gadertals für das Dreikönigsfest ein Süßgebäck, bestehend aus zwei Herzen, die mit einer roten Schlaufe zusammengehalten wurden. Später begannen die jungen Frauen anstelle des Süßgebäcks Blumensträußchen anzufertigen, die sich die Männer dann auf ihre Hüte steckten. Indem die Umworbene dieser „Bestellung“ nachkam, gab sie zu verstehen, dass sie das Interesse erwiderte. Am Josefstag (19. März) spielte sich ein ähnliches Ritual ab. Die Jungen besuchten die Mädchen, um gefärbte Eier zu „bestellen“, die sie dann am Ostermontag abholten. Das schönste dieser gekochten Eier bekam der junge Mann, der das Interesse der Umworbenen geweckt hatte. Außerdem bekam der Ausgewählte drei oder sechs Eier und noch weitere Geschenke. Der abgelehnte Parada da nozaAnwärter dagegen bekam ein Ei auf dem ein Vers mit einer Absage aufgemalt wurde. Wenn sich ein junges Paar verlobte, mussten sie sich an eiserne Verhaltensregeln halten und so schnell als möglich heiraten, denn die Verlobungszeit wurde weder von den Eltern noch von der Kirche gern gesehen. Man musste also die Eltern um die Hand der Tochter fragen, Verwandte und Freunde einladen sowie die traditionellen Kleider tragen.

 

 

Es gäbe noch viele solcher Stichtage mit Symbolcharakter und rituellen Praktiken, welche dem anthropologischen Erbe der ladinischen Alpenbewohner außerordentliche Wichtigkeit verleihen. Aus Platzgründen können wir das Argument hier nicht weiter vertiefen, aber verweisen auf die Internetseiten und Publikationen am Ende dieses Dokuments. Hier möchten wir Ihnen nur einige der Bräuche und Gewohnheiten vorstellen, die sich bis heute erhalten haben und die noch nicht vom schnellen Rhythmus sowie vom wirtschaftlichen und materiellen Wohlstand, den die Tourismusindustrie eingeleitet hat, überrumpelt worden sind. Wesentlich dazu beigetragen hat auch der Einsatz zahlreicher Verbände und Kulturvereine.

 

Ciora Müla 

Die Sarada

Unter den Bräuchen, die mit der Hochzeit verbunden sind, sticht die Sarada oder Sief hervor: Entlang dem Weg zur Kirche, bereiten Freunde und Bekannte des Brautpaares eine oder mehrere Absperrungen vor, die sogenannte Sarada, sodass das Paar und die Gäste gezwungen sind anzuhalten. Es werden dann einige wichtige Momente des Lebens der Brautleute dramatisiert, die ihre Makel hervorheben. Damit sie weiterziehen dürfen, muss der Mënanovicia, also der Brautzeuge, ein Weggeld an die Schauspieler auszahlen.

 

 

Die Ciora Müla

Noch heute ist es Brauch, dass Freunde und Bekannte des Brautpaares am Hochzeitstag, als Zeichen des Hohnes, die Ciora Müla dem Möt Vedl (Junggeselle) oder der Möta Vedla (Ledige) verkaufen, also dem älteren Bruder bzw. der älteren Schwester, die noch nicht verheiratet sind. Normalerweise ist es eine Ziege aus Holz, Stoff oder Stroh, manchmal aber auch eine echte Ziege aus Fleisch und Blut.

San Micura 

 

San Micurà

Am 5. Dezember, dem Tag des heiligen Nikolaus, warten die Kinder vor dem Schlafengehen fiebrig auf den Besuch des Heiligen, der meistens von zwei Engeln und einer Horde Teufel begleitet wird. San Micurà (Hl. Nikolaus) geht von Haus zu Haus und ermahnt die unfolgsamen Kinder, die gerne Streiche spielen, und lobt die artigen, die sich gut benehmen. Die ersten erhalten eine Rute, die zweiten ein Säckchen mit Süßigkeiten, Nüssen und Mandarinen.