ENTDECKEN

Die Dolomiten

Der Abschiedsgruß.

Der Große Krieg

 

„Aus der Generation unserer Großeltern sind nur noch sehr wenige übriggeblieben. Sie sind mittlerweile um die hundert Jahre alt und haben als Kinder das Drama des Großen Krieges an der Dolomitenfront miterlebt. Es sind uns zahlreiche Tagebücher sowie registrierte und transkribierte Erzählungen ihrer Eltern, also unserer Urgroßeltern, überliefert, die gezwungen wurden, im Ersten Weltkrieg mitzukämpfen. Ein Krieg der wie ein fatales Schicksal eintraf...“ (Oskar Irsara)

 

Der Erste Weltkrieg unterschied sich so sehr von den bisherigen Kriegen, dass ihn sich niemand in diesen Ausmäßen vorgestellt hätte, nicht nur was die eingesetzten Mittel, sondern vor allem was die Zahl der Gefallenen anging. Dieser Krieg hinterließ Zeichen in der Existenz aller Beteiligten: Für Soldaten, Flüchtlinge und Gefangene war es ein einschneidendes Erlebnis, reich an Folgen, weswegen es schwierig war, davon zu erzählen.

 

„In den Dolomitentälern hat der Große Krieg, wie ein Wirbelwind, alles ausgerottet, überwältigt und verändert: Berge, Wälder, Dörfer und Leute.“ (L. Palla)

 

Für die Bewohner der Ladiner, Trientner und Tiroler Täler, welche zu Österreich-Ungarn gehörten, begann der Krieg bereits im August 1914, einen Monat nach der Ermordung in Sarajevo des Erzherzogs Franz Ferdinand, Thronfolger der K.u.K.-Monarchie. Alle Männer zwischen 21 und 42 Jahren wurden innerhalb kurzer Zeit einberufen, brachen aber mit der Überzeugung auf, nach einem schnellen Feldzug gegen Serbien wieder gesund und munter nach Hause zurückkehren zu können. In den Reihen der Kaiserjäger, ein Infanterieregiment der gemeinsamen Armee Österreich-Ungarns, waren viele Soldaten aus den ladinischen Tälern. Sie wurden nach Galizien, an die russische Front, und in den Balkan geschickt. Entgegen aller Vorhersagen hatte das österreichisch-ungarische Heer, bereits vor Dezember 1914, fast die Hälfte seiner Ist-Stärke verloren. Und es starben noch viele weitere Menschen in diesem Krieg, der eben aufgrund der vielen Opfer, auf traurige Weise, berühmt geworden ist.

 

SoldatiIn der Zwischenzeit nahmen in Italien die „Interventionisten“ überhand, die überzeugt davon waren, Trient und Triest vom österreichischen Joch zu befreien. Am 23. Mai 1915, nachdem Italien mit den alliierten Mächten den Londoner Vertrag abgeschlossen hatte und aus dem Dreibund mit Deutschland und Österreich-Ungarn ausgetreten war, erklärte es diesem den Krieg. Für den Dreibund eröffnete sich also eine neue Front im Südwesten, vom Stilfser Joch bis zur Grenze zu Kärnten, in einem Moment in dem die Truppen an der galizischen Front alle Hände voll zu tun hatten, um den Vormarsch der Russen aufzuhalten. Aufgrund des Mangels an Männern wurde die Verteidigung der Front im Südwesten den Standschützen anvertraut. Das waren Schützenkompanien, die im 15. und 16. Jahrhundert entstanden sind und immer wieder in die kriegerischen Handlungen innerhalb der Grenzen Tirols eingriffen. Leider hatten die zur Verfügung stehenden Standschützen keine wirkliche militärische Ausbildung, denn zum Teil waren sie zu jung, zum Teil zu alt und die Männer im kriegsfähigen Alter waren bereits im regulären Heer untergebracht.

 

Die Bewohner vom Ampezzotal und von Colle Santa Lucia (Verseil) hatten es am schwierigsten, denn sie mussten ihre Häuser und Familien verlassen und sich in die Berge zurückziehen. Von dort war es vorteilhafter, sich dem italienischen Heer gegenüberzustellen. Sie waren sich bewusst, dass die Verteidigung der Ampezzaner-Mulde und jener von Colle Santa Lucia, die beide Richtung Süden offen sind, unmöglich war und dass es nur eine Frage der Zeit sein konnte, bis die italienische Armee in ihren Dörfern eindringen würde. Das Buchensteintal, durch das sich die Frontlinie durchzog, wurde vollkommen evakuiert. Frauen, alte Menschen und Kinder, nur mit dem Nötigsten bepackt, mussten ins Ungewisse flüchten und erreichten zum Großteil Böhmen, während die kampffähigen Männer dablieben, um die Heimat zu verteidigen.

 

Corvara WWIDie Schützen vom Buchenstein- und Ampezzotal, die in der 4. Kompanie des Bataillons Enneberg, unter dem Kommando des Majors Franz Kostner aus Corvara, eingeordnet waren, wurden gemeinsam mit den Standschützen aus dem Gadertal (2. und 3. Kompanie) sowie jenen aus Bruneck (1. Kompanie) an die Front geschickt, die zwischen dem Pordoijoch und dem Travenanzestal verlief. Einige Monate später kam das „Deutsche Alpenkorps“ zu Hilfe und der Großteil der ladinischen Schützen wurde an die Front des Col di Lana (Buchenstein) versetzt, bis es zur Niederlage der Italiener in der Schlacht von Karfreit (heute Kobarid) kam, welche auch als „Zwölfte Isonzoschlacht“ oder unter dem italienischen Namen Battaglia di Caporetto bekannt ist.

 

Die österreichische Militärgrenze in den Dolomiten verband die Gipfel der Berge zu einem Amphitheater: Sie erstreckte sich vom Lagorai zum Monzonital, von der Marmolada und vom Monte Padon bis zum Col di Lana und zum Settsass und vom Lagazuoi bis zu den Tofanen. Diese natürliche Verteidigungslinie war durchsetzt von alten Befestigungsanlagen, die aber einen großen Teil ihres Kriegswerts verloren hatten: Das Fort von Corte und die Werke von Ruaz im Cordevoletal sowie die Forts Tra i Sass auf dem Valparolapass. Die schlechte Verteidigung von Seiten Österreichs hätte es dem italienischen Heer leicht gemacht die Dolomitenfront zu durchbrechen und das Gebiet bis hinauf zum Brenner zu erobern, aber der General Cadorna war überzeugt davon, dass es innerhalb kürzester Zeit zur entscheidenden Schlacht am Isonzo kommen würde. Die Zweitrangigkeit der Dolomitenfront war also der Grund, weshalb die Italiener den Angriff verzögerten, was den Schützen die nötige Zeit gab, um die Grenze zu verstärken.

 

Am 29. Mai 1915 blockierte das italienische Heer, ohne einen Streich zu tun, Cortina d'Ampezzo und Colle Santa Lucia, aber schon am 8. Juni scheiterte der erste große Angriff auf Son Pouses, in den Bergen von Cortina. Am 5. Juli wurde die 4. Armee vorbereitet für eine Großoffensive gegen die Linie, die vom Col di Lana Cimitero di guerra Valparolabis zu den Tofanen verlief. Zwei Tage später wurde die Offensive gestartet, die Linie blieb jedoch am 17. Juli stehen, ohne viel erreicht zu haben. Jede Hoffnung auf einen raschen Vormarsch musste somit begraben werden. Es begann ein langwieriger, auszehrender Stellungskrieg, der nicht einmal durch den Beschuss mit Minen – sei es von italienischer als auch von österreichischer Seite – in Bewegung gebracht werden konnte. In der Nacht vom 17. auf den 18. April 1916 wurde der Gipfel des Col di Lana in die Luft gesprengt, am 16. Juli des gleichen Jahres der des Castelletto, immer von den Italienern. Die Österreicher ließen ihrerseits Minen auf dem Lagazuoi explodieren, um die auf der Cengia Martini stehenden Italiener zu verjagen. Nichts half eine Entscheidung herbeizuführen, nicht einmal die im Mai 1916 gestartete, bekannte österreichische „Strafexpedition“ im Trentino.

 

Die blutigsten Kämpfe wurden auf dem Col di Lana ausgetragen, da dieser Berg, aufgrund seiner strategisch wichtigen Position, eines der größten Hindernisse für einen italienischen Vorstoß in das Cordevoletal war. Doch die schwierigste Zeit für alle war sicherlich der Winter 1916/17 (Video), als Soldaten und Zivilbevölkerung anfingen Hunger zu leiden. Dazu kamen die anhaltenden Schneefälle, welche mehr als 10.000 Tote forderten, die entweder den Kältetod gestorben oder unter eine Lawine gekommen waren. Um sich vor solchen Unglücken und vor dem Feindesbeschuss zu schützen, gruben die Österreicher, unter Anleitung des Ingenieurs Leo Handl, auf über 3.000 m Höhe, kilometerlange Tunnels und Stollen in den Gletscher der Marmolada, sodass eine richtige „Eisstadt“ entstand. Aber all diese übermenschlichen Mühen führten zu keiner Wende im Kriegsgeschehen.

 

WWI TombaDie Schlacht von Karfreit im Oktober 1917 endete mit einem Rückzug der Italiener bis zum Piave. Die Dolomiten waren somit nicht mehr Kriegsschauplatz und die Frontlinie verschob sich zum Monte Grappa.

 

Im Oktober 1918 war der Zerfall der Habsburgermonarchie bereits voraussehbar: Der Hunger, der Mangel an Kriegsmitteln und die Niedergeschlagenheit der Soldaten führten zur definitiven Krise der multinationalen Streitmacht. Am Morgen des 29. Oktober begann der Vormarsch der Italiener und gegen Abend drang eine Kavalleriekolonne in Vittorio Veneto ein. Dem österreichischen Oberbefehlshaber blieb nichts anderes übrig, als die Bedingungen des Waffenstillstandes, der am 3. November 1918 unterschrieben wurde, zu akzeptieren.

 

„In der Erinnerungsliteratur wurden die Dolomiten nicht nur wegen dem dort vergossenen Blut zu einem Mythos erhoben, sondern auch weil sich im Gebirgskrieg nicht anonyme Heere gegenüberstanden, wie es in den Ebenen Galiziens an der russischen Front der Fall war. Der Kampf wurde Mann gegen Mann ausgetragen, was den Wert und die Einzigartigkeit eines jeden Beteiligten unterstrich. Angesichts der Lebensumstände, denen die Soldaten im Gebirge ausgesetzt waren sowie der langen Winter, in denen sie zum Nichtstun verurteilt waren, boten sich ihnen viele Gelegenheiten den Feind etwas näher kennenzulernen, der in den Feuerpausen manchmal sogar ein menschliches Gesicht bekam. Die Kontaktaufnahmen, der Austausch von Zigaretten und Briefen, die Glückwünsche zum ersten Weihnachtsfest an der Front zwischen den Gegnern, die nur wenige Meter voneinander entfernt waren, sind mittlerweile legendär geworden.“ (L. Palla)

 

Dieser Mythos des Alpenkrieges sollte aber keinesfalls dazu führen, die Absurdität dieses Stellungskrieges zu rechtfertigen, der auf beiden Seiten der Front zahllose Opfer gefordert hat.

 

 

Creative Commons Lizenzvertrag