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Die Dolomiten

Umschlag des Buches An cunta che... (1985)

Mythen, Sagen und Volkserzählungen

 

„'An cunta che' ... ist der Titel eines Schulbuches für Kinder der Grundschule, an das sich bei uns noch fast alle gut erinnern können. Es enthält Sagen und Geschichten von Menschen, die vor langer Zeit gelebt haben und regt auf wundervolle Weise die Fantasie der großen und kleinen Leser an.“ (Igor Tavella)

 

In den verschiedenen Bergtälern der Dolomiten gibt es zahlreiche Erzählungen und Legenden, die von der immensen Kreativität unserer Vorfahren zeugen. Der Nationalepos der Ladiner erzählt von einem weit zurückliegenden Reich, dem Reich der Fanes, von Prinzen und Prinzessinnen und deren Bündnisse mit dem Volk der Murmeltiere. Luianta, Dolasìlla, Ey de Net und Spina de Mul sind nur einige Figuren der ladinischen Dolomitensagen, die sich von den Salvàns, von den Ganes, Männer des Waldes und Frauen des Wassers, Aguane, unterscheiden. Die Salvàns und Ganes lebten oberhalb der bewohnten Ortschaften, kamen aber doch ab und zu in Kontakt mit der Bevölkerung. Sie sind die positiven Figuren der ladinischen Volkserzählungen, in denen das Böse von Ungeheuern und Hexen verkörpert wird.

 

Den Protagonisten einiger Volkserzählungen liegen authentische Persönlichkeiten zugrunde. Ein Beispiel ist der Gran Bracun, Beiname des Adligen Wilhelm Brach, ein sagenumwobene Ritter, der aufgrund seiner außerordentlichen Taten in die Geschichte eingegangen ist.

 

Die Mythen, Sagen und Volkserzählungen der Dolomitentäler, die von Generation zu Generation weitererzählt wurden, spiegeln die lange Geschichte der Dolomitenvölker wider. Der Leser dieser DolasilaErzählungen hat die Möglichkeit, sich in eine längst vergangene Zeit zurückzuversetzen. Er kann erahnen, wie die Ureinwohner ihre Umgebung sahen und verstanden und kann daraus Rückschlüsse auf seine Identität ziehen sowie die Schauplätze der Sagen kennenlernen.

 

Eine der bekanntesten Sagen handelt von einem einstigen Reich, von dem erzählt wurde, es besäße schwarze, dunkle Berge, wie man sie in den Alpen vorfindet. Der junge Prinz dieses Reichs heiratete die Tochter des Mondes, ein Mädchen von zarter Schönheit und edlem Gemüt, das an Heimweh nach seiner silbern leuchtenden Heimat fast zugrunde ging. Der Prinz, verzweifelt aber zugleich entschlossen seine geliebte Braut um jeden Preis zu retten, beschloss also ein Abkommen mit den Salvàns – der weisen Urbevölkerung – zu treffen, die im Besitz aller Naturgeheimnisse waren. Der Prinz versprach dem Stamm Schutz und Zuflucht in den Wäldern und auf den Anhöhen seines Reiches, als Gegenleistung verlangte er einen Zauber, der alle Gipfel mit einem bleichen Mondlicht verschleiern sollte, um einen geeigneten Lebensraum für die Prinzessin zu schaffen. Und so kam es auch. In einer einzigen Nacht spannen die Salvàns die Mondstrahlen und webten ein engmaschiges Netz aus Licht und Silberfäden und bedeckten so das gesamte Reich mit der zarten Mondblässe. Das einstige Reich ist längst verschwunden. Trotzdem kann man noch heute in den Wäldern und auf den Anhöhen die mysteriöse Präsenz der Salvàns wahrnehmen und die Gipfel der Berge strahlen immer noch in ihrem weißen Mondschimmer. Die Leute nennen sie auch die Bleichen Berge.

 

Diese Sage ist sehr interessant, vor allem weil sie sich auf keine der Erklärungen beruft, welche ätiologische Sagen angrenzender Gebiete vertreten. Die Sehnsucht der Prinzessin scheint in den Bergen eingeprägt zu Re del Fanessein, deren leuchtende Gipfel einen nostalgischen Reiz ausstrahlen. Es handelt sich um eine traumähnliche Mondlandschaft, eine Seelenlandschaft, die das Echo einer vergangenen Welt darstellt, als die Mythen versuchten den Ursprung der Dinge zu erklären und so das Reich der Fanes geboren wurde, das von einem Murmeltier-Mädchen gegründet worden war und seine größte Blütezeit unter der Herrschaft der Prinzessin Dolasìlla erlebt hatte. Das war eine geheimnisvolle Kriegerin in silberner Rüstung und schneeweißen Pelz, mit silbernen Bogen von dem sie fürchterliche, unfehlbare Pfeile abschoss, die aus dem silbernen Schilf eines verzauberten Sees gewonnen wurden – alles ist Traum und Symbol, geheimnisvolles Los, stummes Schicksal. (U. Kindl, Miti ladini delle Dolomiti)

 

Schon an diesen wenigen Zeilen kann man den Zauber der Mythen und Sagen der Dolomiten erkennen, der auch daher zeugt, dass man sich beim Lesen und Zuhören in die Traditionen und in die Vorstellungswelt der ladinischen Bevölkerung hineinversetzen kann.

 

Das Team von Holimites besitzt zwar keine eigene Sammlung der Sagen oder anderer narrativer Texte, welche die Interessierten in jeder Bücherei finden können, aber stellt Ihnen erfahrene Bergführer zur Verfügung, die Euch während Eurem Aufenthalt zu den verschiedenen Schauplätzen der Sagen bringen und Euch von den Hauptfiguren der alten Dichtkunst, dem wahren Kulturschatz der Dolomiten, erzählen.

 

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