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Die Dolomiten

Gamsbock auf der Travenanzes Formation. ©Alfred Erardi

Das versteinerte Leben

 

„Bei genauer Überlegung klingt die Vorstellung, eine Zeitmaschine zur Verfügung zu haben, mit der man einige hundert Millionen Jahre zurück reisen könnte, sehr verlockend. Die Zeitreisenden würden von den Dolomiten auf den Grund des antiken Ozeans Tethys, der zwischen Nordafrika, Europa und Asien lag, katapultiert werden oder, würde man noch weiter zurückgehen, würden sie sich in einer von Dinosauriern dominierten Welt wiederfinden. Die lange Geschichte, die uns die Dolomiten „erzählen“ macht die Gegend noch interessanter und schöner..., glaubt ihr nicht auch?“ (Andrea Irsara)

 

Im Jahr 2009 wurden die Dolomiten in die Liste des Weltnaturerbes der UNESCO aufgenommen, nicht nur wegen der einzigartigen Natur, sondern auch weil sie die Dolomiti strati geologiciEntwicklung der Erde über Millionen von Jahren hinweg dokumentieren. In der Tat „erzählen“ uns die verschiedenen Gesteinsschichten und -typologien die lange Geschichte der geologischen Entwicklung sowie jener der Lebewesen auf der Erde, die vor mehr als 250 Millionen Jahren begonnen hat. Die Geschichte ist im Gestein selbst verborgen, denn diese Berge bestehen aus Fossilien, das sind Lebewesen, die in einem Millionen von Jahren andauernden Prozess zu Fels geworden sind. Das Leben ist also langsam zu Stein geworden.

 

Um zu verstehen, wie im Verlauf von einigen hundert Millionen Jahren die Berge und Ozeane entstanden sind, muss man zuerst wissen, dass die Erdkruste aus vielen Kontinentalplatten besteht, die sich kontinuierlich bewegen: Driften diese Platten auseinander, bilden sich neue Ozeane, wenn sie sich aber übereinander schieben und falten, entstehen Berge.
Vor 260 Millionen Jahren bildeten noch alle Kontinente eine einzige zusammenhängende Landmasse, genannt Conchiglia FossilePangäa, die vom weltumspannenden Ozean Panthalassa umgeben war. Das Gebiet, in dem sich heute die Dolomiten befinden, war damals von einer Sandwüste bedeckt und befand sich am Äquator. Mit der Zeit ist in dieser geografischen Zone der Boden langsam eingesunken und es entstand ein flaches Meer mit tropikalischen Temperaturen, das die ganze Region überschwemmte. Vor ungefähr 252 Millionen Jahren, gegen Ende des Permischen Zeitalters, gab es eine Reihe gewaltiger Vulkanausbrüche, die das größte Massenaussterben aller Zeiten einleiteten und das Leben auf der Erde beinahe ausgerottet hätten. Das Leben fing im Meer wieder an und erholte sich nur sehr langsam.

 

Skelette von Algen und Kalkschwämmen wurden am Meeresboden abgelagert und angesammelt, bis sich riesige Klippen bildeten, ähnlich den heutigen Korallenriffen in den tropischen Meeren. Der Schlern, die Geislergruppe und der Peitlerkofel sind Überreste dieser antiken Riffe.

 

fossili foglieDas Wachstum dieser Riffe wurde vor zirka 235 Millionen Jahren erneut von mächtigen Vulkanausbrüchen unterbrochen, wobei mehrere Vulkaninseln entstanden, die gemeinsam mit den Riffen, eine ähnliche Landschaft wie die der heutigen Seychellen oder der Malediven bildeten. Der Langkofel, die Sellagruppe und der Gardenazza sind die Reste dieser antiken Inselgruppe, die aus ringförmigen Riffen bestand, welche Ähnlichkeit mit Atollen aufwiesen. Aus dieser Zeit stammt auch die bekannte Fauna von St. Kassian mit ihren bestens erhaltenen Muschelfossilien, die, aufgrund der großen Formen- und Artenvielfalt, auf der ganzen Welt bekannt ist.

 

Die „Dolomiteninseln“ hatten ein tropisches Klima und waren von Land- und Meeresreptilien bewohnt, deren Reste in der eben genannten Sankt-Kassian-Formation gefunden wurden, darunter Teile des Beckens, der Wirbelsäule und des Oberschenkelknochens eines Nothosaurus.

 

SgnecuraIm Lauf von Millionen von Jahren füllten sich die flachen Meeresbecken mit Schutt und es entstand ein großes Watt, das von den Dinosauriern durchquert wurde. In dieser Epoche bildete sich der Hauptdolomit, woraus die Drei Zinnen von Lavaredo, die Basis des Kreuzkofels, des Conturines und der Lavarella bestehen.

 

Im mittleren Jura, vor ungefähr 175 Millionen Jahren, sank das ganze Dolomitengebiet, dessen Gestein zum Teil aus Ablagerungen besteht und zum Teil vulkanischen Ursprungs ist, mehrere hundert Meter in die Tiefe und wurde zum Grund eines unergründlichen Ozeans. Auf diesem Boden lagerten sich Meeressedimente ab, woraus sich das heutige rötliche Gestein Ammonitico Rosso entwickelte, dessen Namen auf die zahlreichen Ammoniten, die es enthält, zurückgeführt werden kann. Faszinierend ist, dass alle felsigen Berge, die für uns heute von atemberaubender, unvergleichbarer Schönheit sind, vor langer Zeit den Grund des antiken Ozeans Strati Dolomia con Via FerrataTethys bildeten. Hier endete die sogenannte lithogenetische Phase, in der die Gesteinsbildung stattfand, und es begann der orogenetische Prozess, in dem die Gebirgsketten entstanden.

 

Aus diesem Meeresboden, der aus besonders vielen Schichten bestand, bildeten sich die Dolomiten, die in der Kreidezeit, vor ungefähr 100 Millionen Jahren, anfingen sich zu „erheben“, und zwar aufgrund der Kollision zwischen der Afrikanischen und Eurasischen Kontinentalplatte. Durch den enormen Druck zwischen den zwei Platten haben sich Falten aufgewölbt, die heute als Alpen bekannt sind. Dieser Prozess der Gebirgsbildung hält heute immer noch an.

 

 

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